Web 2.0 und Schule – Interview mit dem Sächsischen Datenschutzbeauftragten Andreas Schurig
Web 2.0 gehört für viele zum Alltag. Und so scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis ausgewählte social media-Angebote den Weg in die Schule finden. Doch auch dort wird das Thema Datenschutz eine wichtige Rolle spielen. Wir haben uns mit dem Sächsischen Datenschutzbeauftragten Andreas Schurig getroffen und darüber gesprochen, welche Probleme das mit sich bringt und wie das Thema Web 2.0 richtig im Unterricht platziert werden sollte.
Interview: Janine Rost und Peter Stawowy

Der Sächsische Datenschutzbeauftragte Andreas Schurig
OTTOKAR: Nutzen Sie persönlich Web 2.0 – Angebote?
Andreas Schurig: Ich nutze WhatsApp-Messenger und bin in einem Forum aktiv, natürlich unter einem Pseudonym. Ansonsten bin ich aber eher der klassische Informationsbenutzer. Wo ich mich bewusst zurückhalte sind Twitter und Facebook.
OTTOKAR: Was halten Sie vom Einsatz von Web 2.0 im Unterricht?
Andreas Schurig: Das ist schwierig. Auf der einen Seite sollen die Schüler sich ja damit auseinandersetzen und sich beteiligen. Von daher begrüße ich es, wenn sich die Schule mit diesem Themenbereich beschäftigt. Die Frage ist – und da kommen wir jetzt eben zu den Problemen – wie die Schulen ihre Lehrer dorthin bekommen, dass sie sich mit diesem Thema adäquat auseinandersetzen müssen und können. Es gibt Lehrer, dass sind in der Regel die Informatik- oder Gemeinschaftskundelehrer, die sich aus dem technischen oder dem gesellschaftswissenschaftlichen Zusammenhang heraus mit dieser Problematik auseinandersetzen. Diese müssen jedoch meist noch befähigt werden, dass Thema sinnvoll in ihrem Unterricht zu transportieren. Das ist ein großes Problem. Die jungen Lehrer sind mit dem Thema meist noch vertraut. Für ältere Lehrer ist es aber oft schwierig, sich darauf einzustellen. Wir sind da auch schon im Gespräch mit dem Bildungsinstitut und dem Kultusministerium.
OTTOKAR: In welche Richtung gehen die Gespräche?
Andreas Schurig: Ich möchte an drei Stellen ansetzen. Das eine ist die Lehrerfortbildung, wo wir über das Grundproblem des Datenschutzes aufklären wollen. Als Zweites versuchen wir im Bereich der Lehrpläne das Thema Datenschutz zu verankern. Und Drittens versuchen wir Unterrichtsmaterialien, die Kollegen erarbeitet haben, fruchtbar zu machen. Wir wollen gezielt an Multiplikatoren, wie zum Beispiel die Landeszentrale für politische Bildung herantreten. Schließlich gibt es da schon sehr gute Projekte, so dass man das Rad nicht immer neu erfinden muss. Wir wollen dafür sorgen, dass die Lehrer interessante Angebote haben, die sie im Unterricht einsetzen können.
OTTOKAR: Sollte in Sachen Web 2.0 – Schulung Ihrer Meinung nach der Schwerpunkt beim Thema Datenschutz liegen?
Andreas Schurig: Nein. Datenschutz ist ein Bestandteil des Umgangs mit Web 2.0. Aber natürlich gibt es da auch noch andere Aspekte, wie zum Beispiel die Frage des Urheberrechtes oder des Verbraucherschutzes. Dort ist die Verbraucherzentrale z. B. aktiv. Das schönste Projekt, dass ich bis jetzt kennengelernt habe, war ein Lehrer, der mit seiner Klasse an einem Wettbewerb der Landeszentrale in Nordrheinwestfalen teilgenommen hat, bei dem die Klasse selbst Umgangsregeln im Web 2.0 entwickelt hat. Sie hat ein Pad entwickelt, dass einem zeigt, wie man sich beispielsweise bei Facebook verhält. Das sind ja eigentlich ganz einfache Fragen, die man da behandeln kann, zum Beispiel welches Bild ich bei Facebook verwende.
OTTOKAR: Welches Bild sollte ich denn verwenden?
Andreas Schurig: Eben nicht gerade das Passfoto, sondern zum Beispiel ein verfremdetes künstlerisch gestaltetes Bild, das sich nicht mit Bilderkennungssoftware auslesen lässt. Was ich im Internet veröffentliche, bleibt für immer. Und niemand weiß, in welche Richtung die Technik läuft und welche Auswirkungen das auf den Datenschutz hat. Zum Beispiel könnte die Technik in zwanzig Jahren soweit sein, dass man in heute geposteten Baby-Fotos, die auch dann noch im Netz zu finden sein werden, Erbkrankheiten ablesen kann. Der potentielle Arbeitgeber könnte sich auf Grund dessen dann womöglich schon vorab gegen einen Bewerber entscheiden.
OTTOKAR: Zurück zu unseren Lehrern: Es gibt ja auch in Sachsen Lehrer, die bei Facebook oder Studi-VZ aktiv sind und das Angebot auch nutzen, um mit ihren Schülern zu schulischen Themen zu kommunizieren. Wie stehen Sie dazu?
Andreas Schurig: Ich habe nichts dagegen, dass Lehrer da aktiv sind und auch nichts dagegen, dass sich Schüler untereinander austauschen. Wenn allerdings der offizielle, schulische Bereich teilweise in Facebook hineinverlagert wird, habe ich Probleme. Wenn man zum Beispiel in den Bewertungsbereich hineinkommt und sich womöglich noch über die Leistungen von Schülern äußert, geht das zu weit. Man muss sich klar machen: Eine solche schulische Aussage ist hoheitliche Aussage einer Behörde. Und da sind eben halt Grenzen, die man so nicht überschreiten sollte.
OTTOKAR: Ich denke an ein ganz bestimmtes Beispiel, bei dem der Lehrer lediglich an bestimmte Termine und Hausaufgaben erinnert hat. Der Lehrer nutze WEB 2.0 sozusagen als modernes Unterricht-Werkzeug.
Andreas Schurig: Ich weise das auch nicht vollkommen von der Hand. Ich weiß, dass zum Beispiel im Studienbereich – als Studi-VZ noch stärker in Benutzung war – viele Seminargruppen ihr gesamtes Seminargruppenleben und ihre Vorlesungsmitschriften etc. über Studi-VZ ausgetauscht haben. Dadurch war für viele Studenten ein kollektiver Zwang dar, sich an Studi-VZ zu beteiligen, weil das Studium anders gar nicht zu organisieren war. Die Grenze, die ich versuche zu ziehen, liegt genau an diesem hoheitlichen Bereich. Sobald ich eben in Fragen der Bewertung etc. hineingehe, Fragen die den Einzelnen betreffen, wird es kritisch.
OTTOKAR: Wenn ich Lehrer bin und mich noch gar nicht auskenne, würden Sie mir dann empfehlen, mich dort einmal umzugucken?
Andreas Schurig: Ja, weil das mittlerweile zur Lebenswelt der Jugendlichen gehört. Aber dann besser anonym.
OTTOKAR: Unabhängig vom Problem des Datenschutzes – Sollte Ihrer Meinung nach eine Web 2.0 – Schulung der Schüler in den Lehrplan aufgenommen werden?
Andreas Schurig: Das muss passieren. Ich kann mir einen Informatikunterricht, der aktuell ist und einen Gesellschaftskundeunterricht, der aktuell ist, nicht mehr ohne eine Thematisierung dieser Phänomene vorstellen. Ob das in fünf Jahren immer noch Facebook ist, ist eine andere Frage. Aber das Phänomen des Internets, des WEB 2.0 wird auch in fünf Jahren noch bestehen. Insofern muss man sich damit auseinandersetzen.
OTTOKAR: Wissen Sie, ob es da schon konkrete Pläne gibt?
Andreas Schurig: Nein, meiner Kenntnis nach nicht.
OTTOKAR: Vielen Dank für das Interview.
Lesen Sie auf Flurfunk Dresden, was der Sächsische Datenschutzbeauftragte Andreas Schurig zum Thema “staatliche Institutionen und Facebook” sagt.






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